Rezension – „Lass uns über den Tod reden“ von C. Juliane Vieregge

Meine lieben Leser,

ging es euch auch so, wie den meisten anderen, denen ich erzählt habe, was ich aktuell lese? Habt ihr euch gewundert, warum ich freiwillig über den Tod lese? Ist doch ein ziemlich trauriges Thema – wieso tue ich mir das also an? Solche Fragen habe ich in den letzten Wochen oft gehört, wenn jemand mein Buch auf dem Tisch entdeckt hat.
Der Tod ist gerade heutzutage oft ein Tabuthema – zu schmerzhaft. Natürlich kann man frei darüber sprechen, aber eine wirkliche Auseinandersetzung oder ein Einbezug ins tägliche Leben ist in unserer Kultur verloren gegangen. Das habe ich stark an den ambivalenten Reaktionen meiner Mitmenschen gemerkt.

Ich hatte die tolle Gelegenheit dieses spannende Fachbuch zu lesen. Die Autorin C. Juliane Vieregge selbst hat auf Lovelybooks eine Leserunde zu diesem Buch veranstaltet und ich hatte das Glück, ein Rezensionsexemplar zu gewinnen. Ein großes Dankeschön an dieser Stelle, denn es hat sich mehr als gelohnt! Und besonders schön ist, dass die Autorin sogar eine Widmung im Rezensionsexemplar hinterlassen hat. 🙂

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ALLGEMEINES ZUM BUCH:

  • Titel: Lass uns über den Tod reden
  • Autor: C. Juliane Vieregge
  • Anzahl der Seiten: 301 Seiten
  • Verlag: Christoph Links Verlag
  • Ausgabe: 1. Auflage (März 2019)
  • Genre: Fachbuch, Sachbuch

INHALT:

„Trauer ist nichts anderes als schmerzende Liebe.
Eine ganz reale Liebe.“

– Roland Kachler in „Lass uns über den Tod reden“ von C. Juliane Vieregge, S. 132 –

In diesem Werk interviewt die Autorin Persönlichkeiten zu ihren Erfahrungen mit dem Tod. Dabei wird in verschiedenen Kapiteln der Tod in unterschiedlichen Rollen betrachtet, beispielsweise „Der Tod als Auftraggeber“ oder „Der Tod als Lehrmeister“. Jedes dieser Kapitel wird durch ein Essay der Autorin eingeleitet. Danach folgen die unterschiedlichen Geschichten der Interview-Partner. Diese sind keine typischen Prominenten, sondern echte Persönlichkeiten, wie beispielsweise Monika Erhardt-Lakomy, Ehefrau und Arbeitspartnerin des bekannten Komponisten Reinhard Lakomy oder Boris Palmer, Landtagsabgeordneter von Badem-Württemberg und Sohn des Politikers Helmut Palmer. Ich finde, das hat maßgeblich zur Qualität des Buches beigetragen.
Die Schicksale reichen von informativ bis tief berührend. Es werden unterschiedliche Facetten des Todes beleuchtet. Neben Tod der Eltern, Tod der eigenen Kinder oder Geschwister, werden auch Suizid, Unfälle und Holocaust thematisiert. Die Vielfalt der unterschiedlichen Ereignisse erschreckt, deckt die Endlichkeit des Lebens bis in jede noch so kleine Ecke auf, zeigt aber auch, welche Gemeinsamkeiten der Tod mit sich bringt und wie stark die Hinterbliebenen dadurch werden. Jede Geschichte ist eine ganz persönliche und zeigt einem sehr deutlich, wie sehr der Tod schmerzen kann. Auf der anderen Seite wird durch diese Schilderungen auch sehr stark deutlich, dass der Tod zum Leben nicht nur dazugehört, sondern dass er im Alltag sogar nötig ist, um den eigenen Weg manchmal in die richtige Richtung zu lenken. Das Werk von Vieregge entwickelt im Leser ein Verständnis für den allseits gesuchten Sinn des Todes.
Die unterschiedlichen Kapitel haben mich oft so stark berührt und ich konnte auch viele persönliche Parallelen ziehen, sodass ich die einzelnen Geschichten vor dem Weiterlesen erst einmal setzen lassen musste. Gleichzeitig war es tröstend und inspirierend, wie andere Menschen mit dem Tod umgehen. So banal es klingt, war es auch beruhigend, dass Persönlichkeiten, die in der Öffentlichkeit stehen und sonst so unverwundbar wirken, die gleichen Dinge erleben wie Du und Ich.

„Der Tod ist normal. Er betrifft alle. Er kann schlimm sein, aber er kann auch einfach sein.

– Ilse Rübsteck in „Lass uns über den Tod reden“ von C. Juliane Vieregge, S. 203 –

Neben der angestoßenen Selbstreflektion wird hier auch der Blick für die anderen Schicksale geschärft.
Besonders faszinierend war auch, dass beim Lesen klar wurde, wie der Tod die Menschen zusammenbringt, obwohl er etwas so wichtiges nimmt. In den Interviews steckt so viel Wahrheit und so viel Schmerz – und trotzdem merkt man, wie heilsam es ist, sich wirklich eng mit der Thematik des Todes zu beschäftigen. Bei manchen Kapiteln fiel es mir schwer, es zu akzeptieren, dass solche schlimmen Geschehnisse tatsächlich Weichen stellen können. Doch das Buch schlägt einen guten Bogen vom Tod zum Leben und so versteht man immer mehr auf einer tieferen Ebene, was der Tod für die Menschen bedeutet und bewegt. Denn er ist nicht immer nur schlecht und schmerzhaft, er kann auch Erlösung und Erleichterung sein, beispielsweise, wenn sich jemand wünscht, zu gehen.

SCHREIBSTIL:

„Im Übrigen gibt es im Kapitalismus keine Zeit für die Toten oder für das Vergangene überhaupt. Kapitalismus lebt immer von der Gegenwart und von der Zukunft, die man zu Geld machen kann. Da ist kein Raum für den Tod.

– Roland Kachler in „Lass uns über den Tod reden“ von C. Juliane Vieregge, S. 134 –

Neben der persönlichen Einleitung und der Essays der Autorin, glänzt das Buch „Lass uns über den Tod reden“ durch die unterschiedlichen Geschichten. Diese sind nicht im Interview-Stil geschrieben, sondern als fortlaufend erzählte Geschichte der jeweiligen Persönlichkeit. Vieregge hat es außerdem geschafft, dass den unterschiedlichen Personen ihr Sprachstil erhalten blieb. So hat man beim Lesen tatsächlich das Gefühl, mit der Person an einem Tisch zu sitzen, während man deren Schicksal erzählt bekommt. Bezeichnend dafür war eine Bemerkung meinerseits in der Leserunde, dass eine der Geschichten klang, als wenn man mit der Person zu einem Kaffee zusammensitzen würde. Die Autorin meldete sich zurück und meinte, dass es in diesem bestimmten Fall tatsächlich so gewesen war. Der individuelle Sprachstil macht die Schilderung jedes Einzelnen also sehr authentisch.
Ganz klar anerkennen muss man den Recherche-Aufwand – ich habe mich oft gefragt, wie Vieregge wohl auf die einzelnen Personen gekommen ist, um sie in das Buch einzubeziehen. Zudem ist der Zeitaufwand enorm. Bereits 2016 wurden einige der Interviews geführt.
Natürlich lässt sich dieses Fachbuch trotz der 300 Seiten nicht so schnell weglesen wie ein Roman, da der Inhalt so tief ist und wie bereits erwähnt, oft nachhallen muss. Für ein Fachbuch liest es sich trotzdem extrem gut und ist sehr lebensnah.
Am Ende jeder Geschichte wartet ein Bild der Persönlichkeit inklusive einer Kurzbiografie. Mir gefiel es besonders gut, dass dies nicht am Anfang der Geschichte passierte. So konnte man zunächst eine Verbindung zu den Gedanken der Person aufbauen, bevor man sie sehen konnte.

FAZIT:

„Unsere Kultur ist eine sehr moderne, die mit Reformation, dann mit Aufklärung und später mit Psychoanalyse (…) nicht nur den Tod, sondern auch die Toten aus dem Leben gedrängt hat. Beides ist ein ungeheurer Verlust.

– Roland Kachler in „Lass uns über den Tod reden“ von C. Juliane Vieregge, S. 133 –

Ein wichtiges Werk, welches ein Thema aufgreift, das leider immer noch zu wenig besprochen wird. Ein Buch, bei dem man mitfühlt und für das eigene Leben lernen kann.
Neben den Gefühlen, die hier erzeugt werden, ist der informative Wert ganz groß hervorzuheben. Das Werk macht nachdenklich, aber auch große Hoffnung.
Das Buch kämpft für eine Renaissance einer Sterbekultur, die in unserer modernen, hektischen Zeit verloren gegangen ist. Aus meiner Sicht ein Buch, was man gelesen haben muss – weil es mit uns, dem Leben und eben mit dem Tod zu tun hat – und das betrifft uns immer, zu jeder Zeit. Unbedingt lesen!

BEWERTUNG:❤❤❤❤❤

Bis bald,
EURE HACHIDORI

12 Gedanken zu “Rezension – „Lass uns über den Tod reden“ von C. Juliane Vieregge

  1. Black Hawk schreibt:

    Auf Thomas Mann kann man verzichten, aber ohne Hermann Hesse wäre ich heute tot. Hesse schrieb einmal, dass der Schmerz irgendwann seinen tiefsten Punkt erreicht und dann nur nachlassen kann. Das hat mir das Leben gerettet.

    Gefällt 1 Person

  2. Black Hawk schreibt:

    PS: Habs auch mit dem Erfolgsautor Stephen King versucht, aber seine kurzen Sätze beflügeln mich nicht, obwohl er sich oft auf Edgar Allan Poe in Zitaten beruft. Ein Poe ist eben nicht zu toppen und das ist gut so. Edgar Poes Sprache ist auch in der Prosa reine Musik .. Dennoch mag ich einen Karl May, weil er mehr für das Völker- und Religionsverständnis getan hat als heute jeder Politiker. Mays Edelmenschen sollten uns Vorbild sein. Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi habe ich als Kind gelesen und ihr Handeln hat mein Sein genauso geprägt wie Pippi Langstrumpf ..

    Gefällt 1 Person

  3. Sani Hachidori schreibt:

    Vielen Dank für das Kompliment. Ich lese zwar auch „Kitsch“, wenn man sich auf bestimmte Genres bezieht, allerdings finde ich es wichtig, auch mal aus seiner Komfortzone herauszukommen und sich mit Nischenprojekten oder klassischer Weltliteratur zu beschäftigen. Ich finde, dass sollte der Anspruch jedes Literaturliebhabers sein. 🙂 Aber Literatur ist eben seit Jahrhunderten im Wandel und zeichnet den Geist der Gesellschaft. Somit zeigt uns die Bestseller-Mode ganz aktuell die Stimmung der Massen. Manchmal erschreckend. Ich gebe auch nicht viel auf Bestseller. Ich schaue eher auf Literaturpreise bzw. lasse das Buch für sich sprechen. 🙂 Was gefällt, wird gelesen. Leider denken viele, dass ein Bestseller hohe Qualität bedeutet.

    Hermann Hesse ist übrigens auch einer meiner liebsten Klassiker. Wahnsinn, wie er schrieb!

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  4. Black Hawk schreibt:

    Sani Hachidori, du besprichst Bücher, meist Nischenprojekte, die lesenswert sind und in der Masse untergehen. Deine Arbeit ist sehr wichtig, weil sie sich gegen den alltäglichen Kitsch stemmt, der heute gelesen wird und morgen vergessen ist. Ich danke dir einmal für deine Einmischung ins Rezensionsgetümmel. Ich selbst bin Rezensent bei Amazon und weiß, dass ein blöder Bestseller mehr Punkte bringt als ein gutes Buch, das nur wenige lesen. Ein Fitzek wird eben gelesen, obwohl der Mensch gemessen an Thomas Mann oder Hermann Hesse überhaupt nicht schreiben kann und eine sehr triviale Art der Darstellung an den Tag bringt ..

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  5. Sani Hachidori schreibt:

    Dein Verlust tut mir sehr Leid! Bleib stark! Der Tod lehrt uns auch viel und prägt fürs Leben. Dein Bruder darf bei dir bleiben – und soll er auch, denn er lebt ja in dir weiter. Gerade die schweren Erlebnisse machen aus uns die Menschen, die wir sind.

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  6. Black Hawk schreibt:

    Mein Bruder war ein Jahr jünger als ich und ist an Krebs verstorben. Es ist schwer für mich, dies zu realisieren, weil ich ihn immer noch als lebend vor mir sehe. Mein lieber Bruder, mit dem ich so viel erlebt habe und der nur ein Jahr jünger war als ich .. Ich liebe ihn noch heute wie man das beste liebt, das man je hatte .. LG PP

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  7. Black Hawk schreibt:

    „Wer leben will, muss sterben können“, hatte ich einmal proklamiert in meinen kleinen Gedichten. Der Tod gehört zum Leben und sollte nicht unterschlagen werden. Deshalb ein lesenswertes Werk, weil der Tod ja zum Leben gehört. Wir sollten uns mit dem Sterben auseinander setzen wie mit dem Leben, weil ja zum Leben der Tod gehört am Ende. Bestimmt lesenswert. Daumen hoch 🙂

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