Tagebuch einer Bekanntschaft in Zeiten der Flüchtlingskrise – Tag 4

Liebe Leser,

das letzte Mal musste ich von einem kleinen Rückschlag berichten, weil unsere syrische Freundin (ich nenne sie ab jetzt  M.) schon sehr bald ein Praktikum benötigte und wir das unmöglich schaffen konnten. Wir waren sehr deprimiert.

Bis zum nächsten Treffen sollten einige Wochen ins Land gehen.
In diesen Wochen schlugen wir uns mit freundlichen und unfreundlichen Menschen herum, um am Ende ein wunderschönes Happy End zu erleben.

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Tag 4 – Happy End und wirre Gedanken

Im Detail hatte ich die Schule von M. angeschrieben, um mehr Infos bezüglich ihrer Maßnahme zu erfahren. Die Kommunikation ist trotz ihrer guten Deutschkenntnisse, auf dieses Thema bezogen, schwer gewesen. Ich fragte also an, inwiefern wir helfen können, bei Bewerbungen und der Suche nach einem Praktikum und wie wir aktiv eingebunden werden könnten, weil wir auch Kontakte haben, die ihr vielleicht von Nutzen sein könnten.
Leider war die Leiterin dieser Institution sehr sehr unfreundlich und gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass M. „jegliche Hilfe dort in der Schule bekäme, die sie bräuchte“, aber für den „unwahrscheinlichen Fall, dass wir trotzdem eine Praktikumsstelle finden, können wir diese dann an sie schicken“ und sie regeln das.
Ich war ehrlich enttäuscht von so wenig Aufgeschlossenheit gegenüber dem Willen zu helfen. Auch der Ton der E-Mail ließ etwas zu wünschen übrig und ich war wieder enttäuscht.
Mit M. besprachen wir, dass sie die Bewerbung dort im Kurs fertigstellen soll und wir ihr bei Fragen trotzdem helfen können.

Die beste Nachricht, die uns in der Zwischenzeit erreichte, war, dass M. ein Praktikum gefunden hatte! Hurra!
Die nächste Stufe wäre ein richtiger Job, aber das würde noch ein Stückchen schwieriger werden, denn wir Deutschen haben ja bei weitem auch nicht immer genug Möglichkeiten, einen Job zu finden. Ausländer stehen neben den normalen Bewerbungs- und Suchproblemen auch vor anderen Schwierigkeiten. Abschlüsse sind ganz anders als bei uns oder gar nicht vorhanden, die Erstellung eines genormten Lebenslaufes extrem schwer für sie zu verstehen, da es in ihrer Heimat sehr locker diesbezüglich zugeht.

Für einen eventuellen Job, mussten wir uns über einige spezielle Regelungen aufgrund ihrer Gesundheit informieren, weswegen wir auf dem Arbeitsamt einen Info-Termin vereinbarten. Das war unser drittes Treffen. Wir hatten auf dem Weg dorthin wieder viel Spaß und mittlerweile habe ich sie wirklich sehr sehr gern, weil sie so herzlich ist und eine warme Ausstrahlung hat. Auf dem Arbeitsamt hatten wir dann eine supernette Angestellte, die uns für alle Fragen zur Seite stand. Diese Frau muss hier wirklich gelobt werden! Am besten in den Himmel! Man hört so oft von unfreundlichen und demotivierten Mitarbeitern beim Arbeitsamt. Diese Frau nicht, sie war wirklich der Wahnsinn: extrem engagiert, freundlich, entspannt und kompetent. Sie hat uns sehr weitergeholfen, weil die große Hürde, die wir durch die Gesundheit von M. gesehen hatten, am Ende gar nicht so groß war und sich förmlich in Luft auflöste. Wir waren unwahrscheinlich glücklich. Alles ist viel unkomplizierter als wir zunächst annahmen.

Die nächste gute Nachricht folgte auf dem Fuße. M. hatte durch eine Freundin ein kleines Vorstellungsgespräch und der Chef meinte, wenn sie noch ein bisschen besser Deutsch kann und einen weiterführenden Kurs besuchen würde, dann hätte sie eventuell die Chance, dieses Jahr dort eingestellt zu werden.
Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter weg, denn der Kurs muss erst absolviert werden.

Was fühlte ich bei all diesen Neuigkeiten und Kontakten?
Enttäuschung über Unfreundlichkeit war ein großes Gefühl, aber auch die Freude, dass etwas vorangeht und M. endlich einen ausgefüllteren Wochenablauf bekommt. Ich stelle mir oft vor, wie schrecklich deprimierend es sein muss (nicht nur für Ausländer, auch für Deutsche), keine Arbeit und keinen regelmäßigen Tagesablauf zu haben. Kein eigenes Geld zu verdienen, keine Tätigkeit auszuüben … Ich stelle mir das nicht nur langweilig, sondern auch sehr frustrierend vor.
Aber auch andere Gedanken machten sich breit. Das Gefühl, Hilfestellung geben zu wollen ist ungebrochen, weil M. so ein toller Mensch ist. Da sie über ein Visum hier ist, muss sie zurück in ihre Heimat, falls sie keine Arbeit finden sollte. Anfang nächsten Jahres würden diese Zeit ablaufen und wenn ich ehrlich bin, möchte ich sie nicht in Syrien wissen, jetzt wo ich sie kenne und sie gern habe und jeden Tag die Bilder ihrer zerstörten Heimat im Fernsehen anschauen muss.
Trotz dieser Gefühle, denke ich oft darüber nach, was Menschen in meiner Familie, in meinem Bekanntenkreis oder unter meinen Freunden darüber denken könnten, denn diese Menschen kenne und liebe ich. Einige von ihnen sind negativer zu dem Thema Flüchtlinge eingestellt als ich. Sind sie mir böse? Finden sie es ungerecht, dass ich einer Asylantin helfe, deutschen Arbeitslosen aber nicht?
Manchmal denke ich selbst: Warum helfe ich M., bin aber noch nie auf die Idee gekommen, deutschen Arbeitslosen zu helfen? Bin ich auf eine andere Art rassistisch?
Ist es überhaupt richtig, bei der Jobsuche zu helfen, wo doch so viele Deutsch ein Problem mit der Jobsuche haben? Nehmen die Asylanten uns wirklich Arbeitsplätze weg? Handle ich also gegen meine Landsleute?
Es klingt sehr drastisch, aber genau solche Gedanken beschäftigen mich.
Ich frage mich auch, ob ich angreifbarer dadurch werde, ob ich die Kraft habe, vor jedem beliebigen Menschen zu meiner Meinung und zu M. zu stehen, auch wenn es völlig klar ist, dass das erste menschliche Pflicht ist. Doch was, wenn mich ein geliebter Mensch dafür kritisiert, den ich viel viel länger als M. kenne … gebe ich dann nach?

Doch irgendwann kommt der Moment, in dem ich mir denke, dass das wirklich völlig egal ist.
Ich helfe, tue Gutes, integriere, ganz im Gegensatz zu vielen großen Rednern da draußen.
… Ängste und wirre Gedanken inklusive. 😉
Und spätestens wenn jede Woche Nachrichten von M. gesendet werden, in denen folgendes steht, kann es einfach so gar nicht falsch sein, was ich tue:

„Ich habe zwei tolle Freundinnen gefunden.“
„Es war sehr schön heute, ich habe viel gelacht und schöne Momente gehabt.“

und tausendmal erhaltene Nachrichten mit den Worten:

„Danke, für alles.“

EURE HACHIDORI

Weitere Beiträge zum Thema:
Tag 1 – Der Tag vor dem ersten Treffen
Tag 2 – Das erste Treffen
Tag 3 – Der kleine Rückschlag
Tag 5 & 6 – Jede Menge Kuchen/ Treffen unter alten Freunden

 

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Hachidoris Welt – Tagebuch einer Bekanntschaft in Zeiten der Flüchtlingskrise

Meine lieben Leser,

an dem Thema der Flüchtlingskrise kommt man wirklich kaum vorbei und wenn ich ehrlich bin, geht es mir manchmal ganz schön auf den Geist.
Doch auch ich möchte mich hier damit beschäftigen.
Allerdings auf eine ganz andere Weise.

Da ich die Möglichkeit erhalten habe, eine Bekanntschaft mit einer Asylantin zu machen (deren Persönlichkeit ich aus vielen Gründen, nicht zuletzt aus Gründen des Datenschutzes, geheimhalten werde), möchte ich euch meine Gefühle, Gedanken und Erlebnisse mitteilen.
Warum? Weil ich denke, dass das eine ganz andere Herangehensweise an dieses Thema ist. Eine menschliche und so gar nicht vordergründig politische Darstellung. Ich möchte hier weder Partei für oder gegen Flüchtlinge und angebliche Flüchtlinge beziehen. Denn dieses Thema ist nicht schwarz-weiß, diese Menschen nicht alle gut oder schlecht. Ich möchte hier meine persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen mit euch teilen und ja, auch meine Ängste. Denn die gehören immer dazu, wenn man etwas Neues kennenlernt.

Bevor ich beginne noch eins:
Die Beiträge werden mit zeitlicher Verzögerung eingestellt, um Rückschlüsse auf private Abmachungen und Treffen zu verhindern. Deshalb hoffe ich, dass ihr Verständnis dafür habt, dass die jeweiligen Beiträge zeitlich an dem Tag geschrieben sind, an dem ich ihn beschreibe, dies aber nicht der Realität entspricht. Lest es einfach wie ein Buch. 😉

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Tag 1 – Der Tag vor dem ersten Treffen

Morgen ist es soweit. Morgen treffe ich sie.
Vor einiger Zeit habe ich durch eine Bekannte Kontakt zu einer Asylantin herstellen können.
Wie kommt man auf so eine Idee, fragen sich vielleicht einige von euch!? Nunja, ich war es Leid, ständig das Gebrabbel von Leuten um mich herum zu hören und auch das Gebrabbel der Medien ging mir ziemlich gegen den Strich. Man weiß nicht, wem man glauben soll und am Ende bildet man sich aber, aus diesen mehr oder weniger zuverlässigen Quellen, eine Meinung. Ich beschloss, mir ein eigenes, privates, persönliches Bild zu machen. Und da man immer jemanden kennt, der wieder jemanden kennt … naja ihr wisst schon. Meine Bekannte kennt einige Familien persönlich, die hier Asyl fanden und konnte mir weiterhelfen. So kam ich an den Kontakt.
Und morgen ist dann der große Tag.
Der eigentlich gar nicht so groß sein müsste. Sie ist ja nur ein Mensch wie du und ich. Und doch … so sehr mein Gewissen auch auf mich einredet und mich schilt, dass ich so denken sollte … ich habe Angst. Irgendwo versteckt zwischen Hoffnung, dem Glauben an das Gute im Menschen und meiner Toleranz, da liegt sie, klein und unauffällig – die Angst. Wovor, kann ich selbst nicht so richtig sagen. Vielleicht ist es nur das Gefühl, dass man immer hat, wenn sich etwas Neues im Leben anbahnt. Eine Mischung aus Euphorie und Angst. Oder vielleicht ist es auch die Angst, die sich durch die vielen Medienberichte und Geschichten der vielen Bekannten und Freunde ins Unterbewusstsein einbrannte. Eine Angst vor anderen Ansichten und Gewalt. Aber vielleicht ist es auch eine Angst vor mir selbst. Die Angst, nicht richtig zu reagieren, etwas falsch zu machen, ihr nicht helfen zu können.
Und am Ende ist es wahrscheinlich eine Angst, die sich ein bisschen aus all diesen und noch vielen anderen Ängsten zusammensetzt. Aus diesem Grund, weil ich fühle, wie ich fühle, komme ich mir schlecht vor. Trotzdem möchte ich mit euch darüber reden, denn wenn es mir schon so geht, die sich trotz all dieser Gefühle für ein Kennenlernen entschieden hat, aus welchen Gründen oder Antrieben oder selbstsüchtigen Hintergründen auch immer … wenn ich schon so fühle … wie fühlen Menschen, die noch mehr Angst und weniger Antrieb dafür haben? Ist es dann nicht ganz normal, dass alle so reagieren, wie sie reagieren? Weil sie Angst haben?
All diese Gedanken und noch viel mehr beschäftigen mich in diesem Moment. Einen Tag, bevor ich eine völlig fremde Person kennenlerne. Ich fühle mich etwas bescheuert, dass ich über solch große Fragen und Themen nachdenke, obwohl das morgen einfach nur ein nettes Treffen werden soll. Ein Treffen unter baldigen Freunden. Wenn ich jedes Mal vor Treffen mit meinen Freunden so denken würde … ich würde durchdrehen. Und ist es nicht irgendwie traurig, dass man solche Gedanken hat? Diese Frage überlasse ich euch.
Für mich steht fest. Ich möchte ihr helfen. Und ich möchte lernen.
Der erste Schritt in meine persönliche Erfahrung mit Integration, weil Integration nicht nur eine Sache der Asylanten selbst ist. Wir wissen über unser Land Bescheid. Also greifen wir ihnen einfach unter die Arme, um sie bei der allseits gewünschten Anpassung zu unterstützen! 🙂

Interessiert euch dieses Thema? Dann lasst mir doch ein „Gefällt mir“ oder ein paar Kommentare da.
Denn wenn es euch, meine Leser interessieren sollte, dann werde ich dafür eine eigene Kategorie schaffen.
Ansonsten bleibt es bei kleinen Beiträgen von Zeit zu Zeit.

EURE HACHIDORI

mehr zu diesem Thema:
Tag 2 – Das erste Treffen
Tag 3 – Der kleine Rückschlag
Tag 4 – Happy End und wirre Gedanken
Tag 5 & 6 – Jede Menge Kuchen/ Treffen unter alten Freunden

 

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