Rezension – „Die schlimmste Reise der Welt – Die Antarktis-Expedition 1910-1913“ von Apsley Cherry-Garrard

Meine lieben Leser,

als ich letztes Jahr ein Sachbuch über Pinguine las, wurde unter anderem auf das Buch „Die schlimmste Reise der Welt“ von Apsley Cherry-Garrard verwiesen. Ich war sofort Feuer und Flamme und erwarb es so schnell, wie ich das andere Buch gelesen hatte. Doch dann ist das Buch erstmal auf meinem SuB versauert – hat es mir mit seiner Fachlichkeit und den 678 Seiten doch erstmal gehörigen Respekt eingeflößt.
Die strahlende Rettung kam in Form von Gabriela von Buchperlenblog und unserer Aktion „Historischer November“. Der perfekte Rahmen für dieses Buch, also wagte ich mich an die Lektüre.
Wie mir das Buch gefallen hat und was den mutigen Leser während der Lektüre erwartet, lest ihr im Folgenden.

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ALLGEMEINES ZUM BUCH:

  • Titel: Die schlimmste Reise der Welt – Die Antarktis-Expedition 1910-1913
  • Autor/in: Apsley Cherry-Garrard
  • Übersetzer/in: Simon Michelet
  • Anzahl der Seiten: 678 Seiten
  • Verlag: Piper Verlag / MALIK NATIONAL GEOGRAPHIC
  • Ausgabe: Ungekürzte Taschenbuchausgabe (Januar 2013)
  • Genre: Biografie, Memoiren, Reiseliteratur

INHALT:

„Der eigene Atem raucht und bildet eine Raureifschicht auf dem Gesicht und auf dem Bart; wenn es sehr kalt ist, kann man es beim Einfrieren knacken hören.“

Bowers in „Die schlimmste Reise der Welt“ von Apsley Cherry-Garrard, S. 265

Apsley Cherry-Garrard ist einer der Überlebenden der Südpol-Expedition 1910-1913. Nach seiner Rückkehr verfasste er das vorliegende Buch, welches sehr umfassend die Geschehnisse am Pol schildert.
Es wird von ihm praktisch kein Detail dieser beschwerlichen ausgespart, angefangen bei der Reise von England nach Südafrika und weiter nach Neuseeland. In diesem Teil der Reise wird dem Leser viel über die Schifffahrt erläutert, aber auch über das Leben an Deck. Ich ertappte mich oft, wie ich staunte, denn viele Dinge macht sich ein Mensch der heutigen Zeit gar nicht bewusst, wenn er über derartige Reisen nachdenkt. Cherry-Garrard und seine Kameraden beispielsweise stellten schon relativ früh auf dieser Reise fest, dass ihr Schiff leckschlägt, aber anstatt umzukehren, haben sie einfach jeden Morgen und Abend das Schiff leergepumpt und teilweise um ihr Leben geschöpft, als diese ausfielen.
Als die Besatzungsmitglieder schließlich die Antarktis erreichen, sind bereits fast 200 Seiten gelesen. Der Autor spart auch in den folgenden Kapitel nicht mit wissenschaftlichen (Beschreibungen von Biologie und Geologie) und alltäglichen Details (wie die Vorliebe von Cherry-Garrard für überbackene Käseschnitten), die einen praktisch mit den Forschern der damaligen Zeit in einer Hütte leben lassen.
Es wird von den Depotreisen erzählt, bei denen die Depots für die eigentlichen Expeditionen mit Essen und anderen Materialien bestückt wurden. Mir war vorher gar nicht bewusst, dass die Wissenschaftler die Strecken fast doppelt absolvieren mussten.
Die erste große und bedeutende Reise des Teams war die sogenannte „Winterreise„, die zum Ziel hatte, ein Ei eines Kaiserpinguins zu ergattern. Denn zum damaligen Zeitpunkt wussten die Menschen fast nichts über diesen wunderlichen Vogel. Ein Embryo sollte Aufschluss darüber geben, welche genetischen Vorfahren dieses Geschöpf hat. Die Winterreise war bereits mehr als beschwerlich, der Leser leidet mit den drei losgezogenen Forschern Hunger und Kälte. Es ist ein Wunder, dass sie diese Reise überlebten, denn nie zuvor hatten sich Forscher in den antarktischen Winter gewagt.
Nach dem Frühling und einer Erholungsphase wurde dann die Polarreise geplant. Auch diese umfasste das Bestücken der Depots und viele Vorbereitungen. Die Forscher unterteilten sich in mehrere Gruppen. Zwei davon kehrten an den dafür vorgesehenen Stationen um, während die letzte Gruppe des Südpol erreichen sollte. Es war alles sorgfältig geplant und der Proviant durch die vielen Gruppen adäquat platziert. Durch sehr besondere Witterungsverhältnisse (sogar für die Antarktis) und jede Menge Pech gerieten die fünf Männer auf dem Rückweg vom Südpol in unvorhersehbare Schwierigkeiten. Jeder einzelne von ihnen starb auf dieser Reise.
Die letzte Polarreise wurde schlussendlich von den Überlebenden durchgeführt, die sich auf die Suche nach den Leichen und Habseligkeiten ihrer Kollegen und Freunde machten. Nach drei beschwerlichen Monaten fanden sie ihre Kameraden und konnten so – wie Cherry-Garrard – ihre Geschichte verbreiten.

SCHREIBSTIL:

„Der Luxus der Zivilisation erfüllt nur jene Bedürfnisse, die er doch selber erst schafft.“

„Die schlimmste Reise der Welt“ von Apsley Cherry-Garrard, S. 248

Cherry-Garrard schreibt sehr umfassend und detailliert, fast schon übergenau über die wissenschaftlichen Fakten der Reise. Dies, so sagt er selbst, soll anderen Polarforschern in der Zukunft helfen, indem sie aus ihren Erfahrungen lernen können. Er nennt oftmals die genauen Längen- und Breitengrade, wo sich Ereignisse abspielen und analysiert die Umgebung und ihr Auftreten wie nur ein Forscher es vermag.
Geradezu herzerwärmend sind seine Schilderungen über Pinguine und Robben, aber auch über ihre Pferde und Hunde. Ebenso brutal beschreibt er deren Tod, der oft aufgrund des Überlebenskampfes des Forschungsteams unabdingbar wurde.
Trocken, ja geradezu distanziert, schildert er die verschiedenen Erkrankungen und Verletzungen, denen das Team immer wieder ausgesetzt war. Das reichte von Depressionen über Knochenbrüche bis in zu Skorbut und schlimmsten Erfrierungen.
Einprägsam sind auch die ausführlichen Landschafts- und Schneebeschreibungen. Noch nie habe ich über so viele Arten von Schnee gelesen und dabei wurde es trotzdem nie langweilig. Sei es Schnee, der den Weg beschwerlicher machte, weil er wie Sägemehl war oder der sogenannte Firn – Schnee, der über ein Jahr alt ist.
Letztlich schreibt Cherry-Garrard mit viel Einfühlungsvermögen und kameradschaftlicher Treue über seine verstorbenen Freunde. Es ist herzzerreißend, brutal, bedrückend und ungeheuerlich, wenn die letzten Worte von Scott niedergeschrieben werden oder der Autor seine Kameraden im Porträt vorstellt. Und dazu immer wieder diese unsägliche Kälte, die allgegenwärtig ist.
Eines kann Cherry-Garrard niemand absprechen: Er hat ein literarisches Denkmal für seine Freunde errichtet. Genau so beeindruckend, wie deren Grabmal in der Antarktis.

Titel: Last Rest (Grave of Scott, Wilson, and Bowers) (Quelle)
Fotograf: Unbekannt

FAZIT:

„Man kann die einfachen, unaffektierten Schilderungen dieser Reisen nicht lesen, ohne von ihrer Aufrichtigkeit berührt zu sein und ohne sich über die wunderbare Hartnäckigkeit und den Mut zu wundern, den sie an den Tag legten.“

Vorwort von Marie-Luise Frimont in „Die schlimmste Reise der Welt“ von Apsley Cherry-Garrard, S. 21

Dieses Buch war ein gelungener Abschluss für den historischen November. Es war geradezu ein Monument aus Buchstaben. Ich kann nicht verleugnen, dass das Buch einige Längen aufweist, die sich ganz zwangsläufig aus der Wissenschaftlichkeit und dem Detailgrad der Schilderungen ergeben. Aber dennoch waren mir Cherry-Garrard und seine Kameraden am Ende des Buches so nah, als wäre ich selbst mit ihnen auf diese Reise gegangen. Ich habe als Leser mit ihnen gelacht, gelitten, gehungert und gefroren – und habe ihren unendlichen Forscherdrang, ihre Loyalität und ihren eisernen Willen gespürt.
Fast 700 Seiten begleitet der Leser diese tapferen Männer auf ihrem Weg durch die Antarktis. Fast 700 Seiten voller Wissenschaft, Freundschaft und bitterer Kälte. Und am Ende ist jede Träne, die um diese einzigartigen Charaktere geweint wurde, es wert gewesen.
Ein wissenschaftlich interessantes Buch, welches auch viel Lebensweisheit enthält. Eine Hommage an die mutigsten Forscher ihrer Zeit, die für so viel mehr stehen als ihr pures Wissen – für Freundschaft, Treue und Menschlichkeit im Angesicht des Todes.

BEWERTUNG: ♥♥♥♥♡


BEWERTUNGSKATEGORIEN:

Handlung / Informationen: ♥♥♥♥♡
Emotionen: ♥♥♥♥♡
Historischer Kontext: ♥♥♥♥♥
Charaktere: ♥♥♥♥♥
Sprache/Schreibstil: ♥♥♥♥♡

Gesamtwertung = 4,4


ÜBER DIE AKTION „HISTOLOVE“:

Im Rahmen von HistoLove lesen die liebe Buchperlenblog und ich alles von Steinzeit bis in die Neuzeit – also Bücher mit historischem Bezug, welche schon viel zu lange auf unserem SuB liegen. Außerdem hat dieses Genre ein viel zu angestaubtes Image. Auch neuere Erscheinungen sind dabei und erlaubt! Jeder kann jederzeit einsteigen – wir freuen uns auf eure Beiträge! Verlinkt uns gern und nutzt den Hashtag #histolove.

Hier geht es zur Übersicht all unserer gelesenen Bücher im Rahmen von HistoLove.


Bis bald,
EURE HACHIDORI

Rezension – „Die wundersame Mission des Harry Crane“ von Jon Cohen

Liebe Leser,

das folgende Buch sollte für mich nach langer Zeit der erste Versuch sein, wieder mal an einen stinknormalen Roman heranzukommen. Ich war in den letzten Jahren vor allem im Bereich Fantasy und Jugendbuch unterwegs. Irgendwie war mir mal wieder nach einem „normalen“ Roman. Ich muss sagen – ich wurde nicht enttäuscht.

ALLGEMEINES ZUM BUCH:

  • Titel: Die wundersame Mission des Harry Crane
  • Autor: Jon Cohen
  • Anzahl der Seiten: 537 Seiten
  • Verlag: Insel Verlag
  • Ausgabe : 1. Auflage (2018)
  • Genre: Roman

INHALT:

Harry Crane, ein Mitarbeiter der Forstbehörde. Ein Büromensch. Langweilig. Doch in ihm schlummert das Kind von früher, welches auf Bäume kletterte und noch daran glaubte, dass alles möglich ist. Harry, der seine Frau verloren hat, kann diesen Verlust nicht überwinden. Gerade, als er denkt, es geht zu Ende, rettet ihn im wahrsten Sinne des Wortes das kleine Mädchen Oriana, die fest daran glaubt, dass Märchen wahr sein können. Oriana selbst verlor ihren Vater.
Zwischen Oriana und Harry entspinnt sich eine ganz wunderbare Geschichte, in der sich die beiden Halt geben, um den gemeinsamen Verlust zu bewältigen. Dazu verwirklichen sie ihr ganz eigenes Märchen.
Neben diesen beiden, spielen eine Vielzahl von Personen eine Rolle in dieser Geschichte und jeder trägt seinen Teil zum Märchen von Harry und Oriana bei. Ganz bezaubernd werden die einzelnen Schicksale und Charaktere miteinander verwoben.
Eine weitere wichtige Rolle in diesem Buch spielen Bäume. Sie werden zum Symbol für Kraft, Stärke, Standhaftigkeit, Heimat und Halt in Zeiten des Verlustes.

SCHREIBSTIL:

Der Schreibstil ist leicht, aber oft auch sehr bedeutungsschwanger. Mit Metaphern zwischen den Zeilen wird meiner Meinung nach hier nicht gegeizt. Wer gern interpretiert, wird hier an einigen Stellen seine Freude haben. Im Detail ist es die Rolle der Bäume, welche hier eine spezielle Bedeutung bekommt.
Besonders begeistert hat mich, dass der Ton des Autors sich den Figuren anpasst, deren Gedanken man gerade verfolgt. Das macht die Charaktere sehr lebendig und lebensnah. Zudem fiel es mir dadurch leicht, das Setting und die Beziehungen der Charaktere zueinander zu durchsteigen. Man hatte das Gefühl, dass man einen lebhaften Einblick in eine Dorfgemeinschaft mit all ihren „Typen“ bekommen hat.
Der ruhige Schreibstil hat genau den richtigen Ton angeschlagen, um mit dem Thema „Verlust“ umzugehen, war dabei aber nicht deprimierend oder langweilig, sondern eher behutsam und sachte. Ein bisschen musste ich beim Lesen an einen ganz leichten Schneeschauer mit sanft fallenden Flocken denken. Das beschreibt ungefähr die Lese-Stimmung und Geschwindigkeit des Buches.

FAZIT:

Schlicht und ruhig wie ein Wald.
Ein ganz leises Buch, welches durch seine wunderbare und rührselige Geschichte überzeugt. Besonders die vielen liebevoll gestalteten Charaktere ziehen einen in den Bann. Das richtige Buch für ruhige Herbst- und Wintertage. Sicher wird es dem ein oder anderen an Spannung und Abwechslung fehlen, denn die Handlung bleibt bis auf wenige Momente auf einer gleichbleibenden Linie. Warum mag ich es trotzdem? Weil es eine süße und schöne Geschichte über den Umgang mit Verlusten ist, die es gar nicht nötig hat mit so viel Prunk zu protzen. Ganz im Gegenteil gibt die Schlichtheit des Buches den beschriebenen Gefühlen umso mehr Raum. Ein vorsichtiges Plädoyer für das Vertrauen in sich selbst und sein persönliches, ganz eigenes Märchen.

Ein Buch, welches durch seine Ruhe unterschätzt werden könnte. Aber auch ein Buch, welchem man eine Chance geben sollte, weil es zwischen den Zeilen so wunderschöne Botschaften enthält.

BEWERTUNG: ❤❤❤❤♡

Bis bald,
EURE HACHIDORI

Tagebuch einer Bekanntschaft in Zeiten der Flüchtlingskrise – Tag 4

Liebe Leser,

das letzte Mal musste ich von einem kleinen Rückschlag berichten, weil unsere syrische Freundin (ich nenne sie ab jetzt  M.) schon sehr bald ein Praktikum benötigte und wir das unmöglich schaffen konnten. Wir waren sehr deprimiert.

Bis zum nächsten Treffen sollten einige Wochen ins Land gehen.
In diesen Wochen schlugen wir uns mit freundlichen und unfreundlichen Menschen herum, um am Ende ein wunderschönes Happy End zu erleben.

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Tag 4 – Happy End und wirre Gedanken

Im Detail hatte ich die Schule von M. angeschrieben, um mehr Infos bezüglich ihrer Maßnahme zu erfahren. Die Kommunikation ist trotz ihrer guten Deutschkenntnisse, auf dieses Thema bezogen, schwer gewesen. Ich fragte also an, inwiefern wir helfen können, bei Bewerbungen und der Suche nach einem Praktikum und wie wir aktiv eingebunden werden könnten, weil wir auch Kontakte haben, die ihr vielleicht von Nutzen sein könnten.
Leider war die Leiterin dieser Institution sehr sehr unfreundlich und gab mir unmissverständlich zu verstehen, dass M. „jegliche Hilfe dort in der Schule bekäme, die sie bräuchte“, aber für den „unwahrscheinlichen Fall, dass wir trotzdem eine Praktikumsstelle finden, können wir diese dann an sie schicken“ und sie regeln das.
Ich war ehrlich enttäuscht von so wenig Aufgeschlossenheit gegenüber dem Willen zu helfen. Auch der Ton der E-Mail ließ etwas zu wünschen übrig und ich war wieder enttäuscht.
Mit M. besprachen wir, dass sie die Bewerbung dort im Kurs fertigstellen soll und wir ihr bei Fragen trotzdem helfen können.

Die beste Nachricht, die uns in der Zwischenzeit erreichte, war, dass M. ein Praktikum gefunden hatte! Hurra!
Die nächste Stufe wäre ein richtiger Job, aber das würde noch ein Stückchen schwieriger werden, denn wir Deutschen haben ja bei weitem auch nicht immer genug Möglichkeiten, einen Job zu finden. Ausländer stehen neben den normalen Bewerbungs- und Suchproblemen auch vor anderen Schwierigkeiten. Abschlüsse sind ganz anders als bei uns oder gar nicht vorhanden, die Erstellung eines genormten Lebenslaufes extrem schwer für sie zu verstehen, da es in ihrer Heimat sehr locker diesbezüglich zugeht.

Für einen eventuellen Job, mussten wir uns über einige spezielle Regelungen aufgrund ihrer Gesundheit informieren, weswegen wir auf dem Arbeitsamt einen Info-Termin vereinbarten. Das war unser drittes Treffen. Wir hatten auf dem Weg dorthin wieder viel Spaß und mittlerweile habe ich sie wirklich sehr sehr gern, weil sie so herzlich ist und eine warme Ausstrahlung hat. Auf dem Arbeitsamt hatten wir dann eine supernette Angestellte, die uns für alle Fragen zur Seite stand. Diese Frau muss hier wirklich gelobt werden! Am besten in den Himmel! Man hört so oft von unfreundlichen und demotivierten Mitarbeitern beim Arbeitsamt. Diese Frau nicht, sie war wirklich der Wahnsinn: extrem engagiert, freundlich, entspannt und kompetent. Sie hat uns sehr weitergeholfen, weil die große Hürde, die wir durch die Gesundheit von M. gesehen hatten, am Ende gar nicht so groß war und sich förmlich in Luft auflöste. Wir waren unwahrscheinlich glücklich. Alles ist viel unkomplizierter als wir zunächst annahmen.

Die nächste gute Nachricht folgte auf dem Fuße. M. hatte durch eine Freundin ein kleines Vorstellungsgespräch und der Chef meinte, wenn sie noch ein bisschen besser Deutsch kann und einen weiterführenden Kurs besuchen würde, dann hätte sie eventuell die Chance, dieses Jahr dort eingestellt zu werden.
Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter weg, denn der Kurs muss erst absolviert werden.

Was fühlte ich bei all diesen Neuigkeiten und Kontakten?
Enttäuschung über Unfreundlichkeit war ein großes Gefühl, aber auch die Freude, dass etwas vorangeht und M. endlich einen ausgefüllteren Wochenablauf bekommt. Ich stelle mir oft vor, wie schrecklich deprimierend es sein muss (nicht nur für Ausländer, auch für Deutsche), keine Arbeit und keinen regelmäßigen Tagesablauf zu haben. Kein eigenes Geld zu verdienen, keine Tätigkeit auszuüben … Ich stelle mir das nicht nur langweilig, sondern auch sehr frustrierend vor.
Aber auch andere Gedanken machten sich breit. Das Gefühl, Hilfestellung geben zu wollen ist ungebrochen, weil M. so ein toller Mensch ist. Da sie über ein Visum hier ist, muss sie zurück in ihre Heimat, falls sie keine Arbeit finden sollte. Anfang nächsten Jahres würden diese Zeit ablaufen und wenn ich ehrlich bin, möchte ich sie nicht in Syrien wissen, jetzt wo ich sie kenne und sie gern habe und jeden Tag die Bilder ihrer zerstörten Heimat im Fernsehen anschauen muss.
Trotz dieser Gefühle, denke ich oft darüber nach, was Menschen in meiner Familie, in meinem Bekanntenkreis oder unter meinen Freunden darüber denken könnten, denn diese Menschen kenne und liebe ich. Einige von ihnen sind negativer zu dem Thema Flüchtlinge eingestellt als ich. Sind sie mir böse? Finden sie es ungerecht, dass ich einer Asylantin helfe, deutschen Arbeitslosen aber nicht?
Manchmal denke ich selbst: Warum helfe ich M., bin aber noch nie auf die Idee gekommen, deutschen Arbeitslosen zu helfen? Bin ich auf eine andere Art rassistisch?
Ist es überhaupt richtig, bei der Jobsuche zu helfen, wo doch so viele Deutsch ein Problem mit der Jobsuche haben? Nehmen die Asylanten uns wirklich Arbeitsplätze weg? Handle ich also gegen meine Landsleute?
Es klingt sehr drastisch, aber genau solche Gedanken beschäftigen mich.
Ich frage mich auch, ob ich angreifbarer dadurch werde, ob ich die Kraft habe, vor jedem beliebigen Menschen zu meiner Meinung und zu M. zu stehen, auch wenn es völlig klar ist, dass das erste menschliche Pflicht ist. Doch was, wenn mich ein geliebter Mensch dafür kritisiert, den ich viel viel länger als M. kenne … gebe ich dann nach?

Doch irgendwann kommt der Moment, in dem ich mir denke, dass das wirklich völlig egal ist.
Ich helfe, tue Gutes, integriere, ganz im Gegensatz zu vielen großen Rednern da draußen.
… Ängste und wirre Gedanken inklusive. 😉
Und spätestens wenn jede Woche Nachrichten von M. gesendet werden, in denen folgendes steht, kann es einfach so gar nicht falsch sein, was ich tue:

„Ich habe zwei tolle Freundinnen gefunden.“
„Es war sehr schön heute, ich habe viel gelacht und schöne Momente gehabt.“

und tausendmal erhaltene Nachrichten mit den Worten:

„Danke, für alles.“

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Weitere Beiträge zum Thema:
Tag 1 – Der Tag vor dem ersten Treffen
Tag 2 – Das erste Treffen
Tag 3 – Der kleine Rückschlag
Tag 5 & 6 – Jede Menge Kuchen/ Treffen unter alten Freunden

 

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Tagebuch einer Bekanntschaft in Zeiten der Flüchtlingskrise – Tag 3

Letztes Mal berichtete ich darüber, wie wir sie kennenlernten.
Eine Syrerin.
Das erste Treffen war aufregend, aber entspannt.

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Tag 3 – Der kleine Rückschlag

Beim zweiten Treffen wollten wir uns gezielt auf die Bewerbung von ihr konzentrieren. Wie ich berichtete, sucht sie ein Praktikum. Zwischen unseren Treffen blieben wir ständig über hiesige Messenger in Kontakt.
Wir trafen uns wieder in einem Cafe, das unser Stamm-Treffpunkt zu werden scheint und tranken wieder Kaffee und Tee. Sie ist übrigens eingefleischte Kaffee-Liebhaberin! 😉

In der Zeit, die zwischen unseren Treffen lag, schickte sie uns ihre selbst erstellten Bewerbungsunterlagen. Sie waren gut, aber sehr verbesserungswürdig. Da fiel mir erstmal wieder auf, wie viele Regeln und Normen es in Deutschland gibt. Ein bestimmter Zeilenabstand, tabellarische Aufgliederung etc.
Unsere Aufgabe war also, die „Fehler“ zu finden und es mit ihr beim Treffen auszuwerten.

Beim Treffen war sie etwas geknickt, weil wir so viele Verbesserungsvorschläge hatten und es war eine echte Schwierigkeit, ihr beizubringen, dass sie sich dafür nicht schämen muss oder darüber traurig sein muss. Denn seien wir mal ehrlich … Bewerbungen sind für Deutsche schon ein Graus und in einem fremden Land ist das dann wahrscheinlich die absolute Hölle…
Gegen ihre geknickte Stimmung konnte man nicht viel tun, was aber auch noch andere Gründe hatte, wie wir rausfanden… dazu später mehr.
Wir setzten uns also zusammen daran, einen neuen Lebenslauf zu erstellen. Wir haben leider nur die Hälfte geschafft, aber ich versuche mir die ganze Zeit zu sagen: „Hey, fürs zweite Treffen nicht schlecht.“
Um überhaupt an diesen Punkt zu gelangen, mussten wir uns das syrische Schulsystem erklären lassen, um ungefähr zu verstehen, was für Abschlüsse sie hat. Das alleine hat schon eine gefühlte Ewigkeit in Anspruch genommen.
Außerdem gibt es Hürden, die man vorher niemals bedacht hätte. Es ist allseits bekannt, dass keine Lücken im Lebenslauf vorhanden sein sollten … aber was ist, wenn diese Lücke die Zeit ist, in der ein Krieg ausbrach und man deswegen keine Arbeit mehr hatte. Zeit, in der man hoffte, dass alles besser wird und am Ende keinen anderen Ausweg sah, als zu Verwandten in Deutschland zu fliehen? Sowas kann man nicht in einen Lebenslauf schreiben.

Als wir sie dann endlich fragten, was mit ihr los ist, meinte sie, dass es sie deprimiert, dass sie immer Hilfe braucht. Sie würde gerne alles selbst in die Hand nehmen und nicht ständig warten, ob jemand ihr beim Lebenslauf hilft oder ob jemand ihr ein Praktikum sucht. Sie wäre froh und glücklich über unsere Hilfe, aber durch ihre Behinderung war sie wahrscheinlich schon zeitlebens angewiesen auf andere und als sie endlich selbstständig war, machte sie jetzt einen Rückschritt, weil sie in einem fremden Land wieder Hilfe brauchen würde. Ein Gefühl der Hilflosigkeit. Bis zu dem Zeitpunkt, als sie uns kennenlernte, wie sie sagt. Aber trotzdem, auch jetzt noch, fühlt sie sich, als wenn sie es sehr schwer haben wird, hier in Deutschland, so sagt sie.

Solche Worte berühren mich, das ist klar. Allerdings muss man auch sich selbst gegenüber die Stärke haben und nach den Treffen alles nicht zu sehr an sich heranlassen. Meine Freundin und mich überkommt wieder Angst. Was ist, wenn alles gut läuft? Wird sie dann unsere Hilfe als selbstverständlich sehen? Das ist nicht zwingend so, aber wir schwören uns auf dem Nachhauseweg, dass wir unser Privatleben immer an erste Stelle setzen wollen. Diese Entscheidung fällt im Auge der Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft erst einmal schwer, ist aber wichtig für den Selbstschutz. Denn wir machen das ja freiwillig und in unserer Freizeit. Das versuchen wir uns gegenseitig immer in Erinnerung zu rufen.

Den großen Dämpfer des Tages bekamen wir allerdings, als sie uns erzählte, dass sie das Praktikum bald brauch. Sehr bald. So bald, dass es wirklich nicht machbar für uns ist. Wenn wir das nächste Mal Zeit für ein Treffen haben, müsste sie das Praktikum schon haben … das hat uns furchtbar deprimiert.
Jetzt müssen wir uns mit ihrer derzeitigen Schule und dem Arbeitsamt nochmal auseinandersetzen.
Viel Zeit und Kraft wird benötigt und wir hoffen natürlich alle, dass wir das aufbringen können, um am Ende das Ziel zu erreichen.

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Weitere Beiträge zum Thema:
Tag 1 – Der Tag vor dem ersten Treffen
Tag 2 – Das erste Treffen
Tag 4 – Happy End und wirre Gedanken
Tag 5 & 6 – Jede Menge Kuchen/ Treffen unter alten Freunden

 

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Tagebuch einer Bekanntschaft in Zeiten der Flüchtlingskrise – Tag 2

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Tag 2 – Das erste Treffen

Es war also soweit.
Ich habe sie getroffen. Meine erste Bekanntschaft in Zeiten der Flüchtlingskrise.
Sie stammt direkt aus Syrien und ich konnte viel über ihr Land lernen, was ich vorher nicht wusste.
Ich war sehr überrascht, wie gut sie Deutsch spricht, obwohl sie es nur 6 Monate in einem Sprachkurs hatte.
Wenn ich vergleiche, wie lange ich schon Japanisch lerne und nichtmal annähernd so sprechen kann … meine erste Emotion war diesbezüglich höchster Respekt.

Als ich sie das erste Mal auf der Straße getroffen hatte (wir hatten unseren Treffpunkt nach draußen verlegt), war ich tatsächlich etwas eingeschüchtert. Ich finde einfach, dass Menschen aus diesem Kulturkreis wahnsinnig intensive Augen haben und da fühle ich mich immer noch kleiner, als ich sowieso bin. Ich bin dann aber einfach mutig voran und habe sie angesprochen.
Und als sie dann freudig lachte und mich begrüßte, war das Eis sofort gebrochen. Das hatte ich nicht erwartet. Schließlich brauch man bei vielen Leuten eine Weile, ehe man zueinander findet. Ich habe das große Glück, dass wir auf einer Wellenlänge zu sein scheinen.

In Syrien, erzählte sie in einfachem Deutsch, ist vor 5 Jahren ein Krieg ausgebrochen. Ihre Wohnung wäre kaputt, deswegen ist sie nach Deutschland gekommen, weil sie Verwandte hier hat. Der Krieg vor 5 Jahren, brach laut ihrer Beschreibung aus, weil die geschätzt 30% christlichen Syrer von den geschätzt 70% muslimischen Syrern vertrieben wurden. Laut ihrer Schilderung ein wahrer Glaubenskrieg, in welchem Bomben auf bevorzugt christliche Häuser geworfen wurden. Diese Schilderungen haben mich wirklich erschreckt und ihre kompletten Schilderungen haben mir erstmal wieder richtig bewusst gemacht, wie wichtig die Religion in diesem Land sein muss.
Sie selbst ist Christin. Ich möchte ehrlich sein und sagen, dass ich vermute, dass das eine Erleichterung war für unseren Zugang zueinander, weil wir somit ähnlichere Weltansichten haben.
Wir redeten offen über alle Fragen, die wir hatten. Auch das Frauenbild beschäftigte mich und als sie mir davon erzählte, erlebte ich erst einmal eine Überraschung. Sie erzählte, dass vor dem Kriegsbeginn vor 5 Jahren, die Frauen und Männer annähernd gleichgestellt waren. Sie gingen alle arbeiten, durften dieselben Jobs ausüben wie ihre Männer und verfügten über ihr eigenes Geld. Ein normales selbstbestimmtes Leben. Sie meinte, dass sich das so gut entwickelt hatte. Seit Ausbruch des Krieges, so berichtet sie, „denken Männer, sie sind wichtiger als Frauen“ und die Gesellschaft machte wieder einen Rückschritt in der Gleichberechtigung.

Wichtig wäre ihr, sagt sie, dass sie erstmal ein Praktikum findet. Sie möchte etwas machen und nicht nur rumsitzen. Wie ich erfuhr, hat sie viele Kenntnisse und es scheint, als hätte sie eine gute Chance. Sie wirkt sehr engagiert. Sie schreibt sogar ein eigenes alphabetisch geführtes Vokabelheft, in das sie jedes Wort schreibt, was sie noch nicht kennt. Ich bin beeindruckt und motiviert, ihr bei ihren Bewerbungen zu helfen.
Wir redeten über Lieblingsfarben und Hobbys, tranken dazu Kaffee und Tee. Alles in allem, ein ganz normales Treffen unter Freunden. Und wir beschlossen, wenn der Krieg vorbei ist und alles wieder aufgebaut und in Ordnung, dann möchte sie uns ihre Heimatstadt zeigen. Denn die wäre wunderschön und sie hätten viel tolle Architektur und die Menschen dort hätten immer viele Feste gefeiert.
Bei diesen Erinnerungen, die sie erzählt, werde ich etwas traurig. Es wirkt wie eine Art Traum, etwas, das nicht mehr existiert und nur noch in ihrer Erinnerung real ist.

Mich überrollen immer noch die ganzen Informationen, die ich an einem Tag erhalten habe (und das innerhalb von ein paar Stunden). Das Treffen beschäftigt mich. Aber es ist nicht, wie vorher so viel Gefühl der Angst dabei. Ich freue mich. Ich fühle mich bereichert. Und ja, ich fühle mich auch befriedigt. Denn ich helfe jemanden und das ist ein sehr erfüllendes Gefühl. Irgendwie schön, denn das Wort „befriedigen“ enthält das Wort „Frieden“ und noch nie in meinem Leben habe ich über die wörtliche Bedeutung dieses Wortes so nachgedacht wie jetzt. Das klingt alles viel poetischer, als es sich tatsächlich anfühlt.
Ich hatte vorher solche Angst und war so aufgeregt. Es war für mich ein großer Tag, sie zu treffen. Ich stellte fest: Es ist wirklich keine große Sache. Man trifft sich, trinkt Kaffee und hat Spaß. Und ganz nebenbei hilft man jemanden.
Ich habe für mich selbst auch einen Beschluss gefasst. Ich möchte ihr weiterhin helfen und dabei mein Bestes geben. Allerdings habe ich mir auch gesagt, dass ich es nicht zu meinem Hauptlebensinhalt machen möchte. Ich möchte mein Privatleben trotzdem genießen. Ich möchte auch mal sagen können „Mir passt diese Woche gar nicht“ oder „Ich habe gerade keinen Kopf dafür“. Denn allzu oft hört man von ausgebrannten Helfern und auch das macht Angst. Ich denke, es kann schnell passieren, dass man sich verpflichtet fühlt. Verpflichtet fühlt, schnell alles sofort und in hohem Maße zu bessern für diese Person, die man nun besser kennenlernt. Doch, ich denke, man sollte sich bewusst machen, dass jede Hilfe, und dauert sie auch lange Zeit, eine Hilfe ist. Wenn die Menschen diese Hilfe wollen und wenn man selbst dafür bereit ist, ist es egal, wie lange man braucht. Denn Integration brauch eines ganz besonders: Zeit.
Das muss ich mir ab jetzt immer bewusst machen.

Meine neue Bekannte bleibt mir bis zum nächsten Treffen mit ihren Worten im Gedächtnis. So oft hat sie sich bedankt und wiederholt:
„Ich möchte mit allen Menschen hier nett sein und Freunde. Alle hier sind sehr nett mit mir.“

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mehr zu diesem Thema:
Tag 1 – Der Tag vor dem ersten Treffen
Tag 3 – Der kleine Rückschlag
Tag 4 – Happy End und wirre Gedanken
Tag 5 & 6 – Jede Menge Kuchen/ Treffen unter alten Freunden

 

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Hachidoris Welt – Tagebuch einer Bekanntschaft in Zeiten der Flüchtlingskrise

Meine lieben Leser,

an dem Thema der Flüchtlingskrise kommt man wirklich kaum vorbei und wenn ich ehrlich bin, geht es mir manchmal ganz schön auf den Geist.
Doch auch ich möchte mich hier damit beschäftigen.
Allerdings auf eine ganz andere Weise.

Da ich die Möglichkeit erhalten habe, eine Bekanntschaft mit einer Asylantin zu machen (deren Persönlichkeit ich aus vielen Gründen, nicht zuletzt aus Gründen des Datenschutzes, geheimhalten werde), möchte ich euch meine Gefühle, Gedanken und Erlebnisse mitteilen.
Warum? Weil ich denke, dass das eine ganz andere Herangehensweise an dieses Thema ist. Eine menschliche und so gar nicht vordergründig politische Darstellung. Ich möchte hier weder Partei für oder gegen Flüchtlinge und angebliche Flüchtlinge beziehen. Denn dieses Thema ist nicht schwarz-weiß, diese Menschen nicht alle gut oder schlecht. Ich möchte hier meine persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen mit euch teilen und ja, auch meine Ängste. Denn die gehören immer dazu, wenn man etwas Neues kennenlernt.

Bevor ich beginne noch eins:
Die Beiträge werden mit zeitlicher Verzögerung eingestellt, um Rückschlüsse auf private Abmachungen und Treffen zu verhindern. Deshalb hoffe ich, dass ihr Verständnis dafür habt, dass die jeweiligen Beiträge zeitlich an dem Tag geschrieben sind, an dem ich ihn beschreibe, dies aber nicht der Realität entspricht. Lest es einfach wie ein Buch. 😉

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Tag 1 – Der Tag vor dem ersten Treffen

Morgen ist es soweit. Morgen treffe ich sie.
Vor einiger Zeit habe ich durch eine Bekannte Kontakt zu einer Asylantin herstellen können.
Wie kommt man auf so eine Idee, fragen sich vielleicht einige von euch!? Nunja, ich war es Leid, ständig das Gebrabbel von Leuten um mich herum zu hören und auch das Gebrabbel der Medien ging mir ziemlich gegen den Strich. Man weiß nicht, wem man glauben soll und am Ende bildet man sich aber, aus diesen mehr oder weniger zuverlässigen Quellen, eine Meinung. Ich beschloss, mir ein eigenes, privates, persönliches Bild zu machen. Und da man immer jemanden kennt, der wieder jemanden kennt … naja ihr wisst schon. Meine Bekannte kennt einige Familien persönlich, die hier Asyl fanden und konnte mir weiterhelfen. So kam ich an den Kontakt.
Und morgen ist dann der große Tag.
Der eigentlich gar nicht so groß sein müsste. Sie ist ja nur ein Mensch wie du und ich. Und doch … so sehr mein Gewissen auch auf mich einredet und mich schilt, dass ich so denken sollte … ich habe Angst. Irgendwo versteckt zwischen Hoffnung, dem Glauben an das Gute im Menschen und meiner Toleranz, da liegt sie, klein und unauffällig – die Angst. Wovor, kann ich selbst nicht so richtig sagen. Vielleicht ist es nur das Gefühl, dass man immer hat, wenn sich etwas Neues im Leben anbahnt. Eine Mischung aus Euphorie und Angst. Oder vielleicht ist es auch die Angst, die sich durch die vielen Medienberichte und Geschichten der vielen Bekannten und Freunde ins Unterbewusstsein einbrannte. Eine Angst vor anderen Ansichten und Gewalt. Aber vielleicht ist es auch eine Angst vor mir selbst. Die Angst, nicht richtig zu reagieren, etwas falsch zu machen, ihr nicht helfen zu können.
Und am Ende ist es wahrscheinlich eine Angst, die sich ein bisschen aus all diesen und noch vielen anderen Ängsten zusammensetzt. Aus diesem Grund, weil ich fühle, wie ich fühle, komme ich mir schlecht vor. Trotzdem möchte ich mit euch darüber reden, denn wenn es mir schon so geht, die sich trotz all dieser Gefühle für ein Kennenlernen entschieden hat, aus welchen Gründen oder Antrieben oder selbstsüchtigen Hintergründen auch immer … wenn ich schon so fühle … wie fühlen Menschen, die noch mehr Angst und weniger Antrieb dafür haben? Ist es dann nicht ganz normal, dass alle so reagieren, wie sie reagieren? Weil sie Angst haben?
All diese Gedanken und noch viel mehr beschäftigen mich in diesem Moment. Einen Tag, bevor ich eine völlig fremde Person kennenlerne. Ich fühle mich etwas bescheuert, dass ich über solch große Fragen und Themen nachdenke, obwohl das morgen einfach nur ein nettes Treffen werden soll. Ein Treffen unter baldigen Freunden. Wenn ich jedes Mal vor Treffen mit meinen Freunden so denken würde … ich würde durchdrehen. Und ist es nicht irgendwie traurig, dass man solche Gedanken hat? Diese Frage überlasse ich euch.
Für mich steht fest. Ich möchte ihr helfen. Und ich möchte lernen.
Der erste Schritt in meine persönliche Erfahrung mit Integration, weil Integration nicht nur eine Sache der Asylanten selbst ist. Wir wissen über unser Land Bescheid. Also greifen wir ihnen einfach unter die Arme, um sie bei der allseits gewünschten Anpassung zu unterstützen! 🙂

Interessiert euch dieses Thema? Dann lasst mir doch ein „Gefällt mir“ oder ein paar Kommentare da.
Denn wenn es euch, meine Leser interessieren sollte, dann werde ich dafür eine eigene Kategorie schaffen.
Ansonsten bleibt es bei kleinen Beiträgen von Zeit zu Zeit.

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Tag 2 – Das erste Treffen
Tag 3 – Der kleine Rückschlag
Tag 4 – Happy End und wirre Gedanken
Tag 5 & 6 – Jede Menge Kuchen/ Treffen unter alten Freunden

 

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