Rezension – „Die schlimmste Reise der Welt – Die Antarktis-Expedition 1910-1913“ von Apsley Cherry-Garrard

Meine lieben Leser,

als ich letztes Jahr ein Sachbuch über Pinguine las, wurde unter anderem auf das Buch „Die schlimmste Reise der Welt“ von Apsley Cherry-Garrard verwiesen. Ich war sofort Feuer und Flamme und erwarb es so schnell, wie ich das andere Buch gelesen hatte. Doch dann ist das Buch erstmal auf meinem SuB versauert – hat es mir mit seiner Fachlichkeit und den 678 Seiten doch erstmal gehörigen Respekt eingeflößt.
Die strahlende Rettung kam in Form von Gabriela von Buchperlenblog und unserer Aktion „Historischer November“. Der perfekte Rahmen für dieses Buch, also wagte ich mich an die Lektüre.
Wie mir das Buch gefallen hat und was den mutigen Leser während der Lektüre erwartet, lest ihr im Folgenden.

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ALLGEMEINES ZUM BUCH:

  • Titel: Die schlimmste Reise der Welt – Die Antarktis-Expedition 1910-1913
  • Autor/in: Apsley Cherry-Garrard
  • Übersetzer/in: Simon Michelet
  • Anzahl der Seiten: 678 Seiten
  • Verlag: Piper Verlag / MALIK NATIONAL GEOGRAPHIC
  • Ausgabe: Ungekürzte Taschenbuchausgabe (Januar 2013)
  • Genre: Biografie, Memoiren, Reiseliteratur

INHALT:

„Der eigene Atem raucht und bildet eine Raureifschicht auf dem Gesicht und auf dem Bart; wenn es sehr kalt ist, kann man es beim Einfrieren knacken hören.“

Bowers in „Die schlimmste Reise der Welt“ von Apsley Cherry-Garrard, S. 265

Apsley Cherry-Garrard ist einer der Überlebenden der Südpol-Expedition 1910-1913. Nach seiner Rückkehr verfasste er das vorliegende Buch, welches sehr umfassend die Geschehnisse am Pol schildert.
Es wird von ihm praktisch kein Detail dieser beschwerlichen ausgespart, angefangen bei der Reise von England nach Südafrika und weiter nach Neuseeland. In diesem Teil der Reise wird dem Leser viel über die Schifffahrt erläutert, aber auch über das Leben an Deck. Ich ertappte mich oft, wie ich staunte, denn viele Dinge macht sich ein Mensch der heutigen Zeit gar nicht bewusst, wenn er über derartige Reisen nachdenkt. Cherry-Garrard und seine Kameraden beispielsweise stellten schon relativ früh auf dieser Reise fest, dass ihr Schiff leckschlägt, aber anstatt umzukehren, haben sie einfach jeden Morgen und Abend das Schiff leergepumpt und teilweise um ihr Leben geschöpft, als diese ausfielen.
Als die Besatzungsmitglieder schließlich die Antarktis erreichen, sind bereits fast 200 Seiten gelesen. Der Autor spart auch in den folgenden Kapitel nicht mit wissenschaftlichen (Beschreibungen von Biologie und Geologie) und alltäglichen Details (wie die Vorliebe von Cherry-Garrard für überbackene Käseschnitten), die einen praktisch mit den Forschern der damaligen Zeit in einer Hütte leben lassen.
Es wird von den Depotreisen erzählt, bei denen die Depots für die eigentlichen Expeditionen mit Essen und anderen Materialien bestückt wurden. Mir war vorher gar nicht bewusst, dass die Wissenschaftler die Strecken fast doppelt absolvieren mussten.
Die erste große und bedeutende Reise des Teams war die sogenannte „Winterreise„, die zum Ziel hatte, ein Ei eines Kaiserpinguins zu ergattern. Denn zum damaligen Zeitpunkt wussten die Menschen fast nichts über diesen wunderlichen Vogel. Ein Embryo sollte Aufschluss darüber geben, welche genetischen Vorfahren dieses Geschöpf hat. Die Winterreise war bereits mehr als beschwerlich, der Leser leidet mit den drei losgezogenen Forschern Hunger und Kälte. Es ist ein Wunder, dass sie diese Reise überlebten, denn nie zuvor hatten sich Forscher in den antarktischen Winter gewagt.
Nach dem Frühling und einer Erholungsphase wurde dann die Polarreise geplant. Auch diese umfasste das Bestücken der Depots und viele Vorbereitungen. Die Forscher unterteilten sich in mehrere Gruppen. Zwei davon kehrten an den dafür vorgesehenen Stationen um, während die letzte Gruppe des Südpol erreichen sollte. Es war alles sorgfältig geplant und der Proviant durch die vielen Gruppen adäquat platziert. Durch sehr besondere Witterungsverhältnisse (sogar für die Antarktis) und jede Menge Pech gerieten die fünf Männer auf dem Rückweg vom Südpol in unvorhersehbare Schwierigkeiten. Jeder einzelne von ihnen starb auf dieser Reise.
Die letzte Polarreise wurde schlussendlich von den Überlebenden durchgeführt, die sich auf die Suche nach den Leichen und Habseligkeiten ihrer Kollegen und Freunde machten. Nach drei beschwerlichen Monaten fanden sie ihre Kameraden und konnten so – wie Cherry-Garrard – ihre Geschichte verbreiten.

SCHREIBSTIL:

„Der Luxus der Zivilisation erfüllt nur jene Bedürfnisse, die er doch selber erst schafft.“

„Die schlimmste Reise der Welt“ von Apsley Cherry-Garrard, S. 248

Cherry-Garrard schreibt sehr umfassend und detailliert, fast schon übergenau über die wissenschaftlichen Fakten der Reise. Dies, so sagt er selbst, soll anderen Polarforschern in der Zukunft helfen, indem sie aus ihren Erfahrungen lernen können. Er nennt oftmals die genauen Längen- und Breitengrade, wo sich Ereignisse abspielen und analysiert die Umgebung und ihr Auftreten wie nur ein Forscher es vermag.
Geradezu herzerwärmend sind seine Schilderungen über Pinguine und Robben, aber auch über ihre Pferde und Hunde. Ebenso brutal beschreibt er deren Tod, der oft aufgrund des Überlebenskampfes des Forschungsteams unabdingbar wurde.
Trocken, ja geradezu distanziert, schildert er die verschiedenen Erkrankungen und Verletzungen, denen das Team immer wieder ausgesetzt war. Das reichte von Depressionen über Knochenbrüche bis in zu Skorbut und schlimmsten Erfrierungen.
Einprägsam sind auch die ausführlichen Landschafts- und Schneebeschreibungen. Noch nie habe ich über so viele Arten von Schnee gelesen und dabei wurde es trotzdem nie langweilig. Sei es Schnee, der den Weg beschwerlicher machte, weil er wie Sägemehl war oder der sogenannte Firn – Schnee, der über ein Jahr alt ist.
Letztlich schreibt Cherry-Garrard mit viel Einfühlungsvermögen und kameradschaftlicher Treue über seine verstorbenen Freunde. Es ist herzzerreißend, brutal, bedrückend und ungeheuerlich, wenn die letzten Worte von Scott niedergeschrieben werden oder der Autor seine Kameraden im Porträt vorstellt. Und dazu immer wieder diese unsägliche Kälte, die allgegenwärtig ist.
Eines kann Cherry-Garrard niemand absprechen: Er hat ein literarisches Denkmal für seine Freunde errichtet. Genau so beeindruckend, wie deren Grabmal in der Antarktis.

Titel: Last Rest (Grave of Scott, Wilson, and Bowers) (Quelle)
Fotograf: Unbekannt

FAZIT:

„Man kann die einfachen, unaffektierten Schilderungen dieser Reisen nicht lesen, ohne von ihrer Aufrichtigkeit berührt zu sein und ohne sich über die wunderbare Hartnäckigkeit und den Mut zu wundern, den sie an den Tag legten.“

Vorwort von Marie-Luise Frimont in „Die schlimmste Reise der Welt“ von Apsley Cherry-Garrard, S. 21

Dieses Buch war ein gelungener Abschluss für den historischen November. Es war geradezu ein Monument aus Buchstaben. Ich kann nicht verleugnen, dass das Buch einige Längen aufweist, die sich ganz zwangsläufig aus der Wissenschaftlichkeit und dem Detailgrad der Schilderungen ergeben. Aber dennoch waren mir Cherry-Garrard und seine Kameraden am Ende des Buches so nah, als wäre ich selbst mit ihnen auf diese Reise gegangen. Ich habe als Leser mit ihnen gelacht, gelitten, gehungert und gefroren – und habe ihren unendlichen Forscherdrang, ihre Loyalität und ihren eisernen Willen gespürt.
Fast 700 Seiten begleitet der Leser diese tapferen Männer auf ihrem Weg durch die Antarktis. Fast 700 Seiten voller Wissenschaft, Freundschaft und bitterer Kälte. Und am Ende ist jede Träne, die um diese einzigartigen Charaktere geweint wurde, es wert gewesen.
Ein wissenschaftlich interessantes Buch, welches auch viel Lebensweisheit enthält. Eine Hommage an die mutigsten Forscher ihrer Zeit, die für so viel mehr stehen als ihr pures Wissen – für Freundschaft, Treue und Menschlichkeit im Angesicht des Todes.

BEWERTUNG: ♥♥♥♥♡


BEWERTUNGSKATEGORIEN:

Handlung / Informationen: ♥♥♥♥♡
Emotionen: ♥♥♥♥♡
Historischer Kontext: ♥♥♥♥♥
Charaktere: ♥♥♥♥♥
Sprache/Schreibstil: ♥♥♥♥♡

Gesamtwertung = 4,4


ÜBER UNSERE AKTION „HISTORISCHER NOVEMBER“:

Im Rahmen unseres historischen Novembers lesen die liebe Buchperlenblog und ich alles von Steinzeit bis ca. 1960 – also Bücher mit historischem Bezug, welche schon viel zu lange auf unserem SuB liegen. Auch neuere Erscheinungen sind dabei und erlaubt! Jeder kann jederzeit einsteigen – wir freuen uns auf eure Beiträge! Verlinkt uns gern und nutzt den Hashtag #historischernovember.

Hier geht es zur Übersicht all unserer gelesenen Bücher im historischen November!


Bis bald,
EURE HACHIDORI

9 Gedanken zu “Rezension – „Die schlimmste Reise der Welt – Die Antarktis-Expedition 1910-1913“ von Apsley Cherry-Garrard

  1. Buchperlenblog schreibt:

    Ach mensch, das war wirklich ein Monument aus Buchstaben, du sagst es. Aber ich bin froh, dass du es nun gelesen hast (ich habe mir im Zuge dessen gleich mal ein paar Bücher aus dem Verlag vorgemerkt) und ich freu mich, dass du mich so intensiv an deinem Erlebnis hast teilhaben lassen. ♥

    Gefällt 1 Person

    • Sani Hachidori schreibt:

      Ich bin dir auch echt so dankbar, dass du mir beigestanden hast, denn es hat mich sehr sehr tief berührt. Ich denke, den Verlag werde ich mir auch nochmal näher ansehen und auf jeden Fall habe ich noch ein paar Bücher auf der Liste, auf die in diesem hier verwiesen wurde!

      Gefällt 1 Person

      • Sani Hachidori schreibt:

        Mein Lieblingsbuch … puh … schwieriger Frage. Ich glaube da mag ich einfach zu viele, als dass ich nur ein einziges aussuchen könnte. 🙂 Aber es gibt viele Allzeit-Favoriten. Und deins?

        Liken

      • mia schreibt:

        Meine, die Habsburger Geschichte interessiert mich wahnsinnig, aber auch Poesie, Charlie Chaplin und ein Buch gab es da (leider erinnere ich mich einfach nicht mehr an den Titel) es ging um einen jüdischen Psychologen im damaligen KZ. Natürlich schrieb er auch über seine persönlichen Erfahrungen, aber was ich am aller spannendsten fand, das er hauptsächlich darüber schrieb inwieweit sich Menschen mit verschiedenen Persönlichkeiten in einer solchen Umgebung veränderten. Manche verrieten Angehörige nur um ein sogenannter Aufseher zu werden, andere die davor überhaupt keine Moral besaßen wurden durch eine bestimmte Begebenheit aufeinmal jemand von den dann alle anderen dachten in diese wäre vielleicht ein Geist, oder Gott selbst gefahren. Oder auch Soldaten die viele Befehle nicht ausführten, weil auch für sie ein Punkt kam an dem sie die Gründe für Befehle nicht mehr nachvollziehen konnten und lieber gemeinsam mit den Gefangenen anfingen ihr eigenes Grab zu schaufeln. Es gab auch ein Buch über eine Prinzessin aus dem Königreich Saudi-Arabien, die trotz der Gefahren ein Buch über die Zustände in dem Palast schrieb.

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